SCHÖN, DASS SIE DABEI SIND…

YOU ARE WELCOME IN EUROPE

jP’s TALK – THE SHOW

HOMMAGE

SCHÖN, DASS SIE DABEI SIND. Lichtpunkte flackern. Die Sekunden vergehen. Eine freundliche Stimme mit Akzent begrüßt mich, ich bin erwartungsvoll, neugierig. Ich fühle die Zeit, will wissen was passiert. Aber nichts, nur das Ticken des Sekundenzeigers ist hörbar und endlich die freundliche Stimme „bleiben Sie dran“. Und wieder nichts. Jetzt fühle ich Ungeduld, Unverständnis, Irritation. Dann wieder die Stimme „bleiben Sie dran“. Ich werde ruhiger, lasse mich ein, genieße und fühle einen Moment des Innehaltens in der Zeit. Nach der dritten Ansage ist klar, es wird nichts passieren. Ich fühle mich mir selbst vorgeführt und ertappt als der Text erscheint „You spend 60 sec of your life“, – 60 Sekunden -, – 1 Minute –.

Wir können kaum eine Minute aushalten, ohne Bildwechsel, ohne Aktion. Das Flackern der Lichtpunkte verdeutlicht die Hektik und den inzwischen gewohnt rasenden Ablauf von Bildern in unserem Alltag. Zugleich, nachdem wir uns eingelassen haben, geben uns die Lichter fast etwas Meditatives, Natürliches, Magisches. Am Ende haben wir sie genossen, die 60 Sekunden – nichts – außer das Vergehen der Zeit zu fühlen.

YOU ARE WELCOME IN EUROPE. Der Satz mit der eigentlich positiven Aussage wird schon allein von der düsteren Atmosphäre des Standbildes gebrochen. Lichtstreifen ziehen von links nach rechts über die Szene und lassen einen ankommenden Zug vermuten. „You are welcome“ – von Satzstreifen verordnet. Begleitet von mystisch verträumten Klängen knallen die Satzstreifen einer nach dem anderen aufeinander, ein akustischer Widerspruch zu öffnenden Türen mit einladenden Worten „You are welcome“.

In seiner Videoarbeit übernimmt jPhilipp ein Bild aus seiner Bildserie „A Moment in time“, in der die Protagonistin Anna, die vor 120 Jahren in Berlin-Charlottenburg lebte, mit Phänomenen von heute konfrontiert wird. Seinerzeit erlebte Anna eine rasante Zuwanderung von Menschen aus dem Osten nach Charlottenburg und stellt heute verwundert fest, dass sich in den vielen Jahren ihrer „Abwesenheit“ nichts geändert hat.

Ich assoziiere die aktuelle Situation: Ein Europa, das sich abschottet, mit blutigen Push-Back-Aktionen verzweifelten Menschen humanitäre Hilfe verweigert und sich gleichzeitig weltoffen und herzlich gibt: „You are welcome in Europe“ – wann?

jP’s TALK- THE SHOW. Die Videoarbeit beginnt als Show. Doch schnell bemerken wir die Inhalts- und Bedeutungslosigkeit der aneinandergereihten Werbe- bzw. Redebeiträge, unterstützt durch aussageloses, unerkennbares TV-Flackern. Die Show endet mit Applaus und eigentlich verbleiben wir nach dieser Videominute vergleichbar leer, wie nach den deutlich längeren Talkshow-Formaten unseres abendlichen Fernsehprogramms.

HOMMAGE À NIKI DE SAINT PHALLE. Aufgeplustert, grün, Brüste, Äpfel oder doch nur aufgeblasene Luftballons, die sich aufgeregt zitternd bewegen. Das Zittern des Bildes lässt die unterschiedlichsten Eindrücke zu. So auch die Assoziation an Nanas, jene kleinen und großen Figuren, die mit übergroßen Hüftformen und grell bunten Kreisen im Zentrum draller Brüste auf sich aufmerksam machen. „ … ich wollte die Welt, und die Welt gehörte den Männern … “ schrieb Niki de Saint Phalle einmal in einem Brief (an Pontus Hultén) und viele Jahre später begann mit der Ausstellung „Nana-Power“ die Eroberung der Welt.

FAZIT. Die vier kurzen Videoarbeiten von jPhilipp haben eins gemeinsam, sie hinterlassen uns mit einem Gefühl des vorgeführt werden. Wir fühlen uns ertappt bei den unterschiedlichsten Themen in unserer digitalen Zeit, als Kinder der Hektik, des Medienkonsums, der Abgrenzung und Sexualisierung. Faszination, was die Videoarbeiten mit mir als Betrachterin machen – ich werde einbezogen – absolut zeitaktuell. /Kaja Wegner