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Bereits zu den Arbeiten „A Moment In Time“ schrieb jPhilipp fiktionale Kurzprosa. Seine Hintergrundgeschichten sind gut recherchierte Geschichtsfetzen mit dem verwirrenden

Spiel zwischen Realität und Fiktion. Um Kunst wahrzunehmen, muss Sehen und Hören von Emotionen manipuliert werden, sagte Louise Bourgeois. /Mara Christensen

Es gibt Leute, die beim Opernbesuch Wert darauf legen, dass die Etiketten ihrer Mäntel in der Garderobe gut sichtbar bleiben. Martin Margiela gefiel das gar nicht. Als Modeschöpfer ließ er mit vier Stichen unbeschriftete Etiketten in seine Haute Couture nähen. Am Ende entfernte er auch noch das weiße Label und es blieben vier Stiche als Markenzeichen übrig. Das war unglaublich konsequent für einen überaus erfolgreichen Modeschöpfer, der die Anonymität bevorzugte und dessen Gesicht unsichtbar bleiben sollte. Dagegen ist beschriftetes Upcycling die neue Revolution: SHOW WHAT YOU WEAR.

Ich saß gemütlich im Wohnzimmer auf der Couch, guckte Fernsehen und verschlang eine volle Tüte Popcorn. Einen Beauty-Clip in der Werbepause fand ích so grandios, dass ich unbedingt ein Foto machen musste. Zu sehen war Charlize Theron, die sich ihre Diamantenkette vom Hals riss, um ganz frei zu sein für einen Parfümstoß aus dem Flaconzerstäuber. Mich interessierte, wo all die Diamanten landeten.

„The Golden Cage“ verweist in Zeiten von Covid-19 auf die Fesselung unserer reichen Zivilisation. Angst und Einsamkeit stören den Seelenfrieden. Wie im goldenen Käfig gefangen behelfen wir uns verstärkt mit “Facetime & Co”. Durch den partiellen Verlust menschlicher Nähe und der damit einhergehenden Entschleunigung entstand diese Bildserie.

jPhilipps Portraitaufnahmen zeigen keinen Menschen mehr. Statt eines lebendigen Modells setzt er einen Betonklotz in Szene und spielt auf die Einschränkung körperlicher Nähe an. Der vergnügliche Umgang mit der Kamera und die ungebrochene Shoppinglust im Umgang mit Kleidern, Schmuck und Schminke finden so ein Ventil. Darüber hinaus benutzt er immer dieselbe Steinbüste und verweist auf die Normierung von Modellen, deren äußere Manipulation faszinierende Individualität herstellt.

Modigliani arbeitete bereits 2 Jahre im Haus Rue du Delta 7 in Paris, als er seinen ersten bezahlten Auftrag erhielt. So malte er im Frühjahr 1909 eine stolze Unbekannte in gelber Jacke. Es dauerte noch 8 Jahre bis zur ersten Ausstellung in der Galerie B. Weill in der Rue Taitbout. Aber die Polizei schloss die Ausstellung wegen seiner unanständigen Bilder gleich wieder, kaum dass sie geöffnet war. Grund genug für die stolze Amazone ohne Namen ins Ausland zu gehen. Insider behaupten, dass sie eine echte Baronin sei und sie in Kopenhagens Amagertorv gesehen zu haben. Sicher ist aber ihr Besuch in der Londoner Tate.

Eine Marketenderin verschleuderte Geisterpuppen auf dem Markt. Als ich fragte, was ihre Vorbilder sind, zog sie mich hinter ihren Stand und zeigte auf die vielen Marktbesucher. Ich kaufte zwei der harmlosen Art, aber mit echten Mäusezähnen. Doch die anderen zeigten sich in Alpträumen. Kaum zu fotografieren, aber wenn die Nebel der Erinnerungen Gestalt annehmen …

Archiviert in einer dunklen Kammer unseres Gehirns liegen unsere Erinnerungen wie fotografiert. Millionen von Bildern durch die ich rase, wenn es gerade passt, so wie Spider-Man durch die Häuserschluchten von Gotham City. Du glaubst es nicht: Hoch oben über dem Potsdamer Platz, vor der Kulisse im Chicago-Stil, machte ich dieses unglaublich schnelle Foto. Sofort erinnerte es mich an Comics meiner Kinderzeit.

Was für ein Tag. Es regnet in Strippen. Ich habe meine Kamera in Frischhaltefolie eingewickelt. Ein Amerikaner fragt mich nach dem Weg zum Berliner Funkturm. Dann klingelt sein Handy.

jPhilipps Quadrat ist vollständig schwarz, doch seine schwarze Dahlie ist bereits detailreich im Bild enthalten. Was fehlt ist nur das Licht.

Robert Fludd malt vor 300 Jahren ein schwarzes Quadrat. Er nennt es „Darstellung der Finsternis vor der Weltschöpfung“.

„Ich bin der Erfinder des schwarzen Quadrats“ sagt Kasimir Malewitsch. 1915 erlangt es Weltruhm. In der Petrograder Ausstellung „0,10“ zeigt sich durch die Aufhängung im Herrgottswinkel ebenfalls ein religiöser Bezug, also dort, wo traditionell die Ikone in der russischen Wohnstube angebracht ist.

25 gänzlich schwarze Quadrate stellt 2016 der Fotograf Thomas Michalak aus, quadratisch angeordnet und aufgehängt. Alle samt sind Fotografien älterer SW-Portraits von Gefangenen in Phnom Penh. Die analogen Bilder belichtete er in seiner Dunkelkammer so, das sie restlos schwarz sind. Doch vor seinem geistigen Auge sind alle Portraits weiterhin vorhanden, so wie die analogen Silberschichten die Erinnerung bewahren.

Im Garten von Christian Dior verliebte ich mich in ManGold.